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Varel

Friebo 13/2017

In der Friedenskirche wird es zunehmend bunter

Vortrag von Omid Homayouni und und Edwin Witt: Gelungene Integration bei der Baptistengemeinde

Varel.

Zum letzten Vortrag

vor der Sommerpause begrüßte

kürzlich der erste Vorsitzende

des Heimatvereins Hans-Georg

Buchtmann wieder Mitglieder

und interessierte Gäste im Lo-

thar-Meyer-Gymnasium. Zum

Thema „Als Flüchtling in Varel“

erinnerte er an die Ostvertrie-

benen im zweiten Weltkrieg,

deren Integration seinerzeit oft

schon wegen des herrschenden

Wohnungsmangels sehr schwie-

rig war. So wurden sie damals

beispielsweise

zwangseinge-

wiesen. Das war nicht immer

konfliktlos. Heute ist es weniger

die Raumnot als der Unterschied

zwischen den Kulturen, der Inte-

gration erschwert.

Über Christen und ihre Ver-

folgung im Iran sprach dann

Referent Omid Homayouni. Er

ist mit seiner Familie im Jahr

2013 aus dem Iran gekommen.

Über Braunschweig gelangten

sie schließlich nach Varel. Der

studierte Theologe brachte

sich von Beginn an in die Inte-

grationshilfe ein und begleitete

zunächst Flüchtlinge in August-

fehn. Über Empfehlung gelangte

er zur Friedenskirche in Varel,

und die Familie fand hier ihre

christliche Heimat.

Es sprach sich schnell herum,

dass es einen Flüchtlingshelfer

gibt der Farsi spricht, die Spra-

che des Iran. Eine große Hilfe

für weitere Asylsuchende aus

diesem Land. Für die jahrelan-

ge Mithilfe wurde Homayouni in

Varel bereits als „Mensch des

Jahres“ ausgezeichnet.

An Hand von Schautafeln er-

klärte Homayouni den Zuhörern

die Situation im Iran. Dieses

Land weist mit achtzig Millionen

fast identische Einwohnerzahlen

wie Deutschland auf, ist aber

viereinhalb mal größer. Achtund-

neunzig Prozent der Menschen

sind Moslems, die sich in ver-

schiedene Volksgruppen auftei-

len. Der Islam wird hier jedoch

anders gelebt als in Syrien oder

Arabien. Schwer verständlich,

dass in einem so großen Land

eine christliche Glaubensge-

meinschaft mit nur vier Prozent

Bevölkerungsanteil ins Gewicht

fällt. Sie wird jedoch als west-

licher Einfluss und so auch als

Gefahr für die Islamische Re-

publik Iran wahrgenommen.

Wer sich also öffentlich zum

Christentum bekennt, erhält zu-

nächst sofort Arbeitsverbot, hat

keine Lebensgrundlage mehr.

Allerdings unterliegt das ge-

samte Land staatlichen Vor-

schriften: Die Situationen in öf-

fentlichen Betrieben, Schulen

und Universitäten sind denen

der ehemaligen DDR vergleich-

bar: Es gibt nur eine nationale

Presse, Fernsehen und Internet

sind verboten. In den Gefäng-

nissen sitzen Journalisten, die

versucht haben, internationale

Presse zu verbreiten. Die Verhal-

tensvorschriften in der Öffent-

lichkeit sind streng, vielfach wird

das freie Leben eingeschränkt:

Bei lauter Musik, selbst auf

Hochzeiten oder Festen, oder

wenn junge Verliebte öffent-

lich auch nur Händchen halten,

schreitet nicht selten die Polizei

ein. Mit einer weit reichenden

Ungleichbehandlung sind ferner

insbesondere die Frauen kon-

frontiert, wie Omid Homayouni

ausführte. Für sie gelten strenge

Kleidervorschriften, die freie Be-

rufswahl ist ihnen verwehrt.

All diese Umstände führen

dazu, dass die Christen im Iran

ein Doppelleben führen. In der

Öffentlichkeit den Vorschriften

genügend, zu Hause jedoch in

der Freiheit, die sie sich vorstel-

len. Wegen fehlender Kirchen

und Pfarrer gibt es zumeist keine

Taufe, in ihren Wohnungen aber

eine Hauskirche, in der sie sich

zum Gebet und Bibelaustausch

einfinden.

Um der Unterdrückung und

der permanenten Angst der Ent-

larvung zu entfliehen, bleibt den

Christen im Iran nur die Flucht

in freie, christliche Länder. Eine

Rückkehr ist dann für alle Zeit

ausgeschlossen.

Edwin Witt, Gemeindeleiter

der Friedenskirche in Varel, er-

zählte nun über die inzwischen

fünfjährige Zusammenarbeit mit

iranischen Christen in seiner Ge-

meinde. Bereits im Mai 2013 gab

es den ersten Gottesdienst mit

iranischer Übersetzung. Schrift-

lesungen und Predigten wurden

fortan zweisprachig gehalten.

Er richtete Bürostunden für

Probleme ein. Es folgten erste

Deutschkurse, ein Zusammen-

treffen mit Iranern in Zetel. Dank

seiner Unterstützung wurde an

neunmonatigen

berufsbezo-

genen Volkshochschulkursen

mit integriertem Praktikum teil-

genommen. Daraus resultierten

bereits einige Zeit- und Vollzeit-

arbeitsverträge. Alles Voraus-

setzungen zum Gelingen der

Integration.

Für die Taufe, die den Beitritt

zur Christengemeinde besiegelt,

gibt es Vorbereitungskurse. Da-

nach werden die neuen Mitglie-

der voll in die Gemeindeleitung

eingebunden. Ihrerseits beleben

sie mit Teilen ihrer Kultur, wie

nach den Gottesdiensten fol-

gende gemeinsame Frühstücks-

tafeln, das Gemeindewesen.

Begegnungsfeste, wie Freizeiten

aller Gemeindemitglieder, erfreu-

en sich großer Beliebtheit.

Die Vernetzung der Migrati-

onshelfer ist inzwischen sehr

gut. Bei Fragen zur Asylaner-

kennung, zum Umgang mit

Amtsbriefen oder bei der Woh-

nungssuche kann schnell Hilfe

geleistet werden.

Nicht nur für Iraner ist die

Friedenskirche Anlaufstelle ge-

worden: Auch Afrikaner haben

den Weg hierher gefunden, füh-

len sich zugehörig und machen

die Gemeinde bunter. So zählt

Witt bereits fünfundzwanzig

getaufte Neumitglieder, weitere

siebzehn befinden sich im Vor-

bereitungskurs. Gemessen an

den etwa 580 Geflüchteten, die

in Varel leben, mag die Zahl ge-

ring erscheinen, sie spricht den-

noch für gelungene Integration

und für die Toleranz, die in der

Vareler Baptistengemeinde ge-

pflegt wird. Beispielhaft!

Lieselotte Meyer

Erst mit der Taufe fühlen sich die Iranischen Christen der

Baptistengemeinde zugehörig.

Foto: privat

„Vor dem Tod flüchten ?“

Hospizbewegung lädt zum Vortrag ein

Varel.

„Was passiert, wenn

wir in Tod und Sterben nicht den

unangenehmen ‚Gevatter Tod‘,

sondern eine weise Erinnerung

an das Leben und die Lebendig-

keit in uns sehen? Und wie kann

uns das gelingen?“

Diesen Fragen möchte sich

Frau Dr. phil. Gerlinde Geiss-

Mayer in ihrem Vortrag für die

Hospizbewegung Varel am 6.

April zuwenden. Sie ist Psycho-

therapeutin, Psychoonkologin

und Achtsamkeitslehrerin und

beschäftigt sich seit 20 Jahren

mit Sterben, Tod und Trauer.

Sie wohnt mit ihrer Familie am

Zwischenahner Meer und er-

klärt: „So wie ein junger Mann

in einer Geschichte vor seinem

Schatten weglaufen möchte,

würden wir oft am liebsten vor

der Endlichkeit unseres Lebens,

vor unserem Tod flüchten. Ihn

nicht zu sehen, nicht zu hören

und nicht von ihm zu sprechen

– wenn es sich vermeiden lässt

– kennzeichnet allzu oft die Hal-

tung unserer Gesellschaft dazu.

Wir wenden uns lieber der Fülle

des Lebens mit allen ihren Mög-

lichkeiten, Versprechen und

Freuden zu…

So drängen wir den Tod an

den Rand des Lebens, an das

Lebens-Ende und sehen in ihm

meist den Antagonisten zum Le-

ben und zum Lebendig-Sein.

Doch was passiert, wenn wir

uns der Realität unserer eigenen

Endlichkeit und der Unsicher-

heit unseres nächsten Tages

bewusst und mit offenen Augen

und Ohren zuwenden?“

Der Vortrag findet am

Don-

nerstag, 6. April,

ab 20 Uhr im

Saal des Amtsgerichts Varel,

Schlossplatz 7, 26316 Varel

statt. Interessierte sind herzlich

eingeladen, der Eintritt ist frei,

um eine Spende wird gebeten.

(ak)