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Varel

Friebo 17/2017

Kurze Nächte, viel Kaffee – Idylle der Deichschäfer

Familie Steenblock bewirtschaftet die Deichschäferei Vareler Siel – Über tausend Tiere auf 12 Kilometern

Varel.

„Määähähä!“ Man

grüßt höflich auf dem Hof der

Deichschäferei von Klaus und

Mark Steenblock. Den Scha-

fen geht’s hier gut. Hund und

Hausziege freuen sich über den

Besuch und lassen sich bereit-

willig kraulen. Dann gibt’s ei-

nen Kaffee bei Sohn Mark – es

ist so richtig gemütlich hier auf

dem Land, nur unweit vom idyl-

lischen Vareler Hafen. Doch die

gute Laune des Schäfers trügt.

Mark Steenblock und seinem

Vater lastet nicht nur ab und zu

ein Lämmchen auf den Schul-

tern.

Etwa 500 Mutterschafe und

600 Lämmer grasen seit kurzem

wieder auf dem Deichabschnitt

zwischen Wapelersiel und Dan-

gast. Dabei erweisen die Tiere

dem Deichband einen wert-

vollen Dienst: sie halten das

Gras kurz und verfestigen den

Untergrund. Im Gegenzug stellt

der Deichband den Schäfern die

Hofgebäude. Doch alles, was

auf dem Hof steht, jedes Fahr-

zeug und jede Maschine, brin-

gen die beiden Steenblocks mit.

„Wir bräuchten eigentlich unge-

fähr die doppelte Fläche“, be-

dauert Mark Steenblock, der ein

langes Lied zu singen weiß von

den wirtschaftlichen Schwie-

rigkeiten seines Betriebs. Die

Kosten nämlich müssen durch

den Verkauf der Lämmer im Al-

ter von acht bis zehn Monaten

reingeholt werden. Lammkote-

letts – kein schöner Gedanke,

sieht man die lustigen Woll-

knäuel über die Weide hüpfen.

Doch das ist der Deal. „Ich habe

es lernen müssen, die Lämmer

aufzuladen“, erinnert sich der

durchaus tierliebe Mark Steen-

block. Heute kommt er damit

klar. Nur die Tötung eines kran-

ken Tieres mag der 21-Jährige

bis heute nicht.

Die Refinanzierung der Hal-

tungskosten von jährlich etwa

150 Euro pro Schaf durch den

Verkauf des Nachwuchses ist

schon knapp kalkuliert – der

Verkauf der Wolle ist gar eine

Nullnummer. Vater Klaus rech-

net vor: „Die geht ab nach Chi-

na, und wir bekommen 70 bis

80 Cent pro Kilo. Das Scheren

eines Schafes kostet 2,50 Euro,

ein Schaf hat ungefähr drei Kilo

Wolle.“

Und der schmale Ertrag wird

den Deichschäfern nicht ge-

schenkt. Natürlich haben sie

eine Sieben-Tage-Woche. Und

an jedem davon geht es um 6

Uhr raus. In der Lammzeit – also

wenn der Nachwuchs auf die

Welt kommt – werden obendrein

Nachtschichten

geschoben.

Und wenn keine Geburtshilfe zu

leisten ist, geht es alle zwei bis

drei Stunden auf Kontrollgang.

Einen Angestellten könnten

sie gut gebrauchen. Doch den

könnten sie nicht bezahlen.

Von der Deichkrone aus sieht

man die Herde in der Ferne. Ein

lauter, aber inhaltlich undefi-

nierbarer Ruf lockt die Tiere an.

Vorbei an einer Gruppe Spazier-

gänger traben sie auf den Fress­

trog zu. Die Zaungäste freuen

sich, doch auch das Verhältnis

zu den Urlaubsgästen ist nicht

immer einfach. Insbesondere

die Hundehalter kommen nicht

allzu gut weg bei Mark Steen-

block. „Immer wieder werden

Hunde frei laufen gelassen, und

wenn die Halter die nicht im Griff

haben, mischen die die ganze

Herde auf.“ Die Hunde wollen

dabei meist nur spielen. Doch

die Schafe verstehen den Spaß

nicht und geraten ziemlich unter

Stress. Muss nicht sein.

Viel Freude haben Vater und

Sohn auch immer wieder mal

mit allzu eifrigen Tierschützern.

„Es ist ja in Ordnung, wenn man

uns anruft, weil ein Lamm lahmt

oder vielleicht sogar mal ein to-

tes Tier auf dem Deich liegt. Das

kommt bei über tausend Scha-

fen eben leider mal vor. Aber

deshalb gleich die Polizei anru-

fen oder gar das Veterinäramt –

das tut nicht Not!“ Unlängst hat

ihnen das Amt eine Rechnung

geschickt – für eine überflüssi-

ge Fahrt nach Varel nach dem

Anruf eines besorgten Bürgers.

Von Viren und Wölfen

Dass Tiere aufgrund einer

Fehlbildung lahmen oder gar

nicht lebensfähig sind, kommt

in letzter Zeit leider öfter vor.

Ursache ist der „Schmalenberg-

Virus“, der durch Insekten über-

tragen wird. Impfstoffe, die in

„Konkurrenz-Ländern“ wie Eng-

land und Australien üblich sind,

sind in Deutschland nicht zuge-

lassen. Warum? „Keine Ahnung“,

winkt Mark ab. Und deutsche

Mittel wirken nicht. „Hier lässt

uns der Staat links liegen“, be-

schwert sich der junge Schäfer.

Und nicht nur in diesem Fall

fühlen sich Klaus und Mark

Steenblock

alleingelassen.

Denn jenseits der Weser lau-

ert eine Gefahr, die für sie und

andere Deichschäfer das Ende

ihrer Existenz bedeuten könnte:

Wölfe. „In Cuxhaven sind sie

schon“, weiß Mark und fügt

hinzu: „Die Weser ist für die

kein Hindernis. Der Wolf gehört

einfach nicht hier hin. Und wir

haben ihm kaum etwas entge-

genzusetzen. Wenn Wölfe hier

einfallen, gibt es ein Blutbad.

Die kommen ungehindert auf

den Deich – die Schafe aber

können nicht entfliehen.“ Zwar

gebe es Herdenschutzhunde,

die einen effizienten Schutz dar-

stellen, doch die seien für Spa-

ziergänger zu gefährlich. „Wenn

wir aber einen Anspruch auf

Schadenersatz geltend machen

wollen, müssen wir die Schafe

adäquat schützen. Mit Zäunen,

80 Zentimeter tief und 180 Zenti-

meter hoch… auf zwölf Kilome-

tern. Tja. Wollen Sie noch einen

Kaffee?“

(off)

Mark Steenblock geht nie zu seinen Schafen, ohne etwas Schmackhaftes für sie in der Hand

zu haben. Um mehr als tausend Tiere haben sich die Pächter der Deichschäferei Vareler Siel

zu kümmern.

Foto: Albert Rohloff

Den Lämmchen geht es gut

auf dem Deich – doch ihre Le-

benserwartung ist meist be-

grenzt.

Foto: Albert Rohloff