Table of Contents Table of Contents
Previous Page  13 / 64 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 13 / 64 Next Page
Page Background

11. November 2017

Varel

13

Praktisches Plastik: Die Geister, die wir riefen

Dr. Holger Freund berichtete beim Heimatverein über den „Plastik-Tsunami“ auf den Weltmeeren

Varel.

Die Umwelt, die wir uns

geschaffen haben und in der wir

uns heute mit großer Selbstver-

ständlichkeit bewegen, besteht

zu einem stetig wachsenden

Anteil aus Kunststoffen. Wir le-

ben zunehmend in einer Plastik-

welt – Kunststoffe gibt es selbst

da, wo wir sie als solche gar

nicht oder nur ausnahmsweise

wahrnehmen, zum Beispiel in

Teppichen, in der Kleidung, in

Farben, Klebstoffen oder Kos-

metikartikeln.

Dr. Holger Freund vom In-

stitut für Chemie und Biologie

des Meeres an der Universität

Oldenburg betonte kürzlich in

einem Vortrag „Der Plastik-Tsu-

nami – Wie aus einem Wertstoff

ein ökologischer Problemstoff

wird“ vor den Mitgliedern und

Gästen des Heimatvereins Varel

zunächst einmal ausdrücklich,

wie praktisch Kunststoffe doch

sind. Sie bestehen aus groß-

en (Makro-)Molekülen, soge-

nannten „Polymeren“ mit dem

Grundbaustein Kohlenstoff, die

je nach Verwendungszweck

mit passenden Zusätzen unter-

schiedliche Grade der Elastizi-

tät, Temperaturbeständigkeit,

chemischen Resistenz usw. er-

reichen können. Es handelt sich

um moderne Zauberei. Das er-

klärt ihre schnelle und weltweite

Verbreitung, aber auch das Pro-

blem, das damit entsteht: Was

geschieht, wenn wir die Pro-

dukte, die aus Kunststoff beste-

hen, nicht mehr brauchen? Wie

werden sie „entsorgt“?

Die meisten von uns kennen

mit Kippen oder Verpackungen

verschmutzte Wege, Wiesen

und Wälder, sie kennen ver-

mutlich auch die Bilder von mit

Kunststoffresten

übersäten

Stränden – selbst da, wo es weit

und breit keine Menschen gibt,

etwa Hendersen Island mitten

im Pazifik oder das Midway Atoll,

eine der Hawaii-Inseln. Doch wie

kommen die Kunststoffe dahin?

Die Wissenschaftler haben in-

zwischen große Müllstrudel in

allen Ozeanen identifiziert. Da-

bei schwimmen rund 15 Prozent

des Mülls an der Oberfläche,

etwa genauso viel in einer rund

10 Meter tiefen „Plastik-Suppe“

darunter, der größte Teil liegt

aber inzwischen schon zerklei-

nert, aber nicht zerstört, auf dem

Meeresgrund.

Plastik ist lange haltbar, die

Schätzungen gehen in die Jahr-

hunderte. Es wird von Fischen

und Vögeln mit Nahrung ver-

wechselt und reichert sich je

nach Größe auf unterschied-

liche Weise in den Körpern an.

Verstopft Plastik den Magen,

verhungern die Tiere, sind die

Partikel kleiner, gelangen sie in

die Nahrungskette und landen

so schließlich wieder auch auf

unserem Tisch. Tatsächlich sind

nach Freund diese nicht oder

kaum sichtbaren kleinen Teile

wie der Abrieb von Autoreifen

oder in der Waschmaschine

herausgelöste Textilfasern das

größere Problem.

Wie gelangt der Müll ins Meer?

Wenn man ihn nicht ordentlich

durch Recycling, Verbrennung

oder auf der Deponie entsorgt,

gerät er in die Kanalisation und

wird über Bäche und Flüsse in

die Meere gespült. Schon in Eu-

ropa gibt es zwischen Nord und

Süd große Unterschiede in der

Sorgfalt, mit der der Müll besei-

tigt wird, weltweit ist Südosta-

sien ein Brennpunkt. Wir finden

dort Flüsse, deren Oberfläche

komplett mit Plastikmüll be-

deckt ist.

Auch wenn wir bei uns sorg-

fältiger mit dem Abfall umgehen,

so bleiben dennoch die Nordsee

und ihre Strände von der Ver-

schmutzung mit Plastik nicht

verschont. Holger Freund ge-

hört einer Arbeitsgruppe an, die

– unterstützt vom Niedersäch-

sischen Ministerium für Wissen-

schaft und Kultur – untersucht,

wo und wie es ins Meer gelangt

und wie es von Winden und Strö-

mung bewegt wird [www.icbm.

de/verbundprojekte/macropla-

stics/]. 15 Orte, darunter Dan-

gast, wurden in diesem Zusam-

menhang als „Auswurfpunkte“

für 70.000 2 oder 4 cm starke,

durchnummerierte „Holzdrifter“

festgelegt. Mit großem Erfolg

wird die Bevölkerung um Mithil-

fe bei der Suche nach den an-

gelandeten Objekten gebeten

(„Citizen Science“). So und mit

einigen zusätzlichen GPS-Drif-

tern lassen sich dann die Wege

rekonstruieren, die die Hölzer

wie die Kunststoffe zurückgelegt

haben.

Damit ist allerdings das ei-

gentliche Problem, die Schädi-

gung unserer natürlichen Um-

welt durch Plastikmüll, noch

nicht gelöst. In der an den Vor-

trag anschließenden Diskussi-

on wurden einige Abhilfen ge-

prüft: Einsatzkommandos zur

Reinigung der Strände, Appelle

an die Verbraucher und an die

Produzenten, sparsamer mit

Kunststoffen umzugehen, Ver-

bote durch die Politik. Es wurde

deutlich, dass das jeweils aus

verschiedenen Gründen nur Teil-

lösungen sein können.

Kunststoffe bieten – bevor sie

zu Müll werden – einfach zu viele

Vorteile, so dass wir in den mei-

sten Fällen nicht auf sie verzich-

ten wollen. Geht es uns mit ih-

nen wie Goethes Zauberlehrling,

der seine Helfer auch nicht mehr

stoppen konnte? Immerhin hat-

te er noch einen Zaubermeister,

der dem Spuk ein Ende bereiten

konnte. Auf derart magische Un-

terstützung ist wohl zur Rettung

der Weltmeere nicht zu hoffen.

Das Publikum dankte Holger

Freund für seinen informativen

Vortrag und ging – vermutlich

wie auch der Berichterstatter ein

wenig ratlos – nach Hause.

Rainer Urban

Dunkle Wolken über dem Ökosystem Meer: Immer mehr Ab-

fall – vor allem sich langsam zersetzende Kunststoffe – bela-

sten die Ozeane.

Foto: Clemens/Mellumrat