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2. Dezember 2017

Varel

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Traditionsbetrieb an neuen Inhaber übergeben

Metallgießerei Speith ist nun Teil der Foundry Alliance – Standort und Arbeitsplätze bleiben erhalten

Varel.

Stephanskirchen am

Chiemsee und Varel am Ja-

debusen: Viel weiter könnten

zwei Betriebsstätten innerhalb

der Bundesrepublik kaum von-

einander entfernt liegen. Und

doch werden die Unternehmen

ARRI Gießtechnik GmbH und

die traditionsreiche Metallgie-

ßerei Speith künftig als Schwe-

sterfirmen unter dem Dach der

gemeinsamen

Muttergesell-

schaft „Foundry Alliance“ eng

zusammenarbeiten.

Denn die beiden Gießereien

ergänzen sich gut, was Christian

Pahls, Inhaber und Geschäfts-

führer von ARRI Gießtechnik,

bewogen hat, das Vareler Tra-

ditionsunternehmen zu kaufen.

Mehr als drei Jahre lang hat-

ten die bisherigen Eigentümer,

die Familie Speith, nach einem

geeigneten Kandidaten für die

Übernahme der Firma gesucht.

„Wir haben viele Gespräche mit

Interessenten geführt“, berich-

tet Unternehmensberater Ekke-

hard Brysch, der den Verkauf

der Firma begleitet hat. „Doch

es gab ein paar unumstößliche

Bedingungen, die insbesondere

Seniorchef Karl-Erich Speith de-

finiert hatte: „Für meinen Vater

war es enorm wichtig, dass der

Standort hier und mit ihm alle

Arbeitsplätze erhalten bleiben“,

betonte Susanne Speith jetzt bei

der offiziellen Übergabe an Chri-

stian Pahls.

Karl-Erich Speith hatte nach

Ende des Zweiten Weltkrieges

die von seinem Vater 20 Jahre

zuvor gegründete Firma weiter-

betrieben und neu aufgebaut:

Gemeinsam mit acht Kriegs-

heimkehrern zog er 1946 mit

Pferdefuhrwerken unter an-

derem ins Watt, um dort Me-

tallteile von abgeschossenen

Jägern und Bombern zu ber-

gen, die dann eingeschmolzen

und zu Töpfen und Pfannen

geformt wurden. Speith hatte

als Flakhelfer dienen müssen

– er wusste also, wo die Flie-

ger zu finden waren. Von die-

sem mühsamen Neubeginn aus

machte der heute 90-Jährige

den Familienbetrieb zu einem

erfolgreichen mittelständischen

Unternehmen, in dem heute 60

Mitarbeiter in einem hoch spezi-

fischen Geschäftsfeld tätig sind.

Die Metallgießerei Speith fertigt

aus Aluminium eine Vielzahl von

Bauteilen für die Autoindustrie,

den Maschinen-, Anlagen- und

Gerätebau, die Energiewirt-

schaft sowie für Schienentech-

nik, Schiffs- und Flugzeugbau.

Allen diesen Bauteilen ist ge-

mein, dass an sie höchste An-

sprüche hinsichtlich Sicherheit

und Qualität gestellt werden.

Nach insgesamt 71 Jahren

als Inhaber, Gesellschafter,

langjähriger

Geschäftsführer

und Seniorchef gibt Karl-Erich

Speith das Unternehmen nun

ab, da er es ebenso wie seine

Tochter Susanne und sein Ge-

schäftsführer Michael Nitsche

in guten Händen weiß. Lange

Zeit sei Prämisse gewesen, der

Betrieb müsse in Händen der

Familie bleiben, erläuterte Su-

sanne Speith, „aber es zeich-

nete sich ab, dass darin nicht

die Zukunft des Unternehmens

liegen kann. Wer als Eigner über

Investitionen entscheiden soll,

muss auch am Puls der Firma

sitzen.“

So sei man nun froh, mit Chri-

stian Pahls einen Käufer gefun-

den zu haben, „der die gleiche

Sprache spricht und dem Be-

trieb eine Perspektive bietet“,

fasste Susanne Speith zusam-

men.

Der neue Inhaber schildert

begeistert die Möglichkeiten,

die sich durch das Zusammen-

führen der beiden Gießereien in

der „Foundry Alliance“ bieten

würden: „Das Unternehmen

Speith hat sich in den vergange-

nen Jahrzehnten mehrfach neu

erfunden und erfolgreich immer

neue Nischen geschaffen.“ Im

Sandgussverfahren könnten nur

wenige überhaupt in einer der-

art hohen Qualität produzieren,

„hier in Varel gibt es enormes

Know-how, das wir weiter für

Innovationen nutzen wollen.“

Durch Konkurrenz in Südost-

europa sei die Gießereibranche

zunehmend unter Druck. Nur

mit Flexibilität, höchster Qua-

lität und eben Innovationskraft

könne man dem begegnen, so

Pahls.

Um insbesondere letzte-

re gewährleisten zu können,

seien Investitionen nötig: Erst

in diesem Jahr sind bei Speith

rund 600.000 Euro in eine neue

Sandaufbereitungsanlage inve-

stiert worden, in Kürze sei eine

neue Strahlanlage zur Nachbe-

handlung der Gussteile zu mon-

tieren.

Zufrieden äußerte sich auch

der

Betriebsratsvorsitzende

Wolfgang Hagen. Er ist seit 44

Jahren in der Gießerei Speith be-

schäftigt und damit keineswegs

die Ausnahme: „Wir haben eine

überdurchschnittliche Betriebs-

zugehörigkeit, die Kollegen sind

dem Unternehmen eng verbun-

den.“ Es habe durchaus harte

Gesprächsrunden mit dem neu-

en Eigentümer gegeben, doch

es seien stets Kompromisse

gefunden worden. Wichtig sei

für die Belegschaft gewesen,

dass alle Arbeitsplätze erhalten

bleiben und der Betrieb tarifge-

bunden bleibt. „Da ist nun letzt-

lich ein enormer Druck abge-

fallen.“ Auch in die Ausbildung

neuer Fachkräfte soll weiter

investiert werden. Sieben Be-

rufsfelder sind im Unternehmen

vertreten, ausgebildet werden

unter anderem Gießerei- und

Zerspanungsmechaniker. Ge-

eignete und motivierte Bewer-

ber für diese anspruchsvollen

Berufe zu finden, das sei indes

nicht mehr so leicht wie vor Jah-

ren, sagte der scheidende Ge-

schäftsführer Michael Nitsche.

Er wird dem neuen Inhaber,

der selbst die Geschäfte in al-

len drei Gesellschaften führt, in

den kommenden Monaten noch

beratend zur Seite stehen. Das

laufende Geschäft in Varel wer-

den dann künftig Martin Junge

und Mathias Leucht überneh-

men. Christian Pahls will sich

nach eigenen Worten aber

künftig einmal pro Woche von

Bayern aus auf den Weg an den

Jadebusen machen.

(tz)

Nach langer Vorbereitung ist die Übergabe der Metallgießerei Speith inzwischen besiegelt

worden. Susanne Speith, Christian Pahls, der bisherige Geschäftsführer Michael Nitsche

und der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Hagen (v. links) sind mit dem Ergebnis der Ver-

handlungen zufrieden.

Foto: Michael Tietz

Karl-Erich Speith leitete das

von seinem Vater Alexander

gegründete Unternehmen seit

1947. Mit nunmehr 90 Jahren

zieht sich der Unternehmer

ganz ins Private zurück.

Archivbild: M Tietz