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23. Dezember 2017

Varel

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In der Nacht brachte der Sturm den Tod

Katastrophe vor 300 Jahren: Die Weihnachtsflut von 1717 gilt als folgenschwerste der Neuzeit

Die Sturmflut am Heiligen Abend

des Jahres 1717 vor genau 300 Jah-

ren gilt im Hinblick auf die von ihr aus-

gelösten Schäden von den Niederlan-

den bis Dänemark als die schwerste

der Neuzeit. Zu den am schwersten

betroffenen Gebieten gehörten die

Grafschaft Oldenburg (2.481 Tote),

die zum Fürstentum Anhalt-Zerbst

gehörige Herrschaft Jever (1.294

Tote), das Land Kehdingen und das

Fürstentum Ostfriesland (2.787 Tote).

In den Tagen vor dem Weih-

nachtsfest des Jahres 1717

verlagerten sich die Ausläufer

eines nordatlantischen Orkan-

tiefs in das Gebiet der Deut-

schen Bucht. Der Südwestwind,

der zuvor mehrere Tage Was-

sermassen vom Atlantik durch

den Ärmelkanal in die Nordsee

gedrückt hatte, nahm am Mor-

gen des 24. Dezember an Stär-

ke zu, steigerte sich zum Orkan

und drehte am Nachmittag über

West auf Nordwest.

Obwohl diese Wetterlage

schon damals als besonders

gefährlich angesehen wurde,

feierten auch die Bewohner der

Marsch nach dem Besuch des

Gottesdienstes den Heiligen

Abend im Kreise ihrer Familie.

Da der Sturm gegen Mitternacht

abflaute, gingen die Menschen

beruhigt schlafen, zumal der

Mond noch im letzten Viertel

stand und dementsprechend

keine Springflut zu erwarten war.

Das nächste Hochwasser sollte

ohnehin erst am nächsten Mor-

gen zwischen 6.30 und 8 Uhr

eintreten.

Aber zwischen 1 und 2 Uhr

entwickelte sich der Nordwest

erneut zum Orkan und der anhal-

tend hohe Wasserstand fiel zu-

sammen mit den einsetzenden

Auswirkungen des Orkans.

Überall erreichten die nun hoch

auflaufenden Wellen den Fuß der

Deiche. In Strückhausen in der

Wesermarsch stieg der Wasser-

stand innerhalb einer Stunde um

2,70 Meter. Binnen kürzester Zeit

überspülten bzw. durchbrachen

die Wassermassen die zum Teil

nur 3 Meter hohen Deiche. Das

Land wurde binnen kurzer Zeit

bis zu 5 Meter hoch überflutet.

Die Sturmflut überraschte die

Menschen im Schlaf. Vereinzelte

Versuche, die Küstenbewohner

durch Kirchenglocken zu we-

cken, schlugen fehl – nicht zu-

letzt deshalb, weil der brüllende

Orkan das Läuten übertönte.

Der Neuender Pastor Johann

Friderich Jansen, der die Ereig-

nisse in der Heiligen Nacht 1717

miterlebte, beschrieb in seinem

1722 veröffentlichten Buch das

Unheil wie folgt:

„Sorglos lag al-

les in tiefstem Schlafe. Da plötz-

lich wurden die Leute durch das

Geräusch der tobend gegen

die Mauern ihrer Wohnungen

anschlagenden und krachend

einbrechenden Wogen geweckt;

erschrocken aus dem Schlaf

fahrend erhoben sie sich, um

sofort aus den warmen Betten

in fußtiefes, eiskaltes Wasser

zu treten, das von Minute zu

Minute mit rasender Geschwin-

digkeit stieg. Gar vielen gelang

es nicht mehr, die Treppe oder

Leiter zum Boden zu erreichen.

Im Bette stehend suchten sie

eine Zeitlang dem Tode des Er-

trinkens zu entgehen, nur um

ihn umso sicherer im eiskalten

Wasser vor Erstarrung zu finden.

Andere retteten sich auf Tische

und Schränke, aber das Wasser

stieg und stieg bis zu den Knien,

bis zur Hüfte, bis zur Brust, bis

zum Hals. Ihr Angstgeschrei

ward nicht gehört, ihr Geheul

verhallte unter dem Donner des

Sturms und der Wogen (…)“.

Was die von der Sturmflut be-

troffenen Menschen in der Heili-

gen Nacht des Jahres 1717 erlei-

den mussten, lässt sich kaum in

Worte fassen. Wer es geschafft

hatte, sich auf den Dachboden

seines Hauses zu retten, wurde

von peinigender Kälte gequält,

schließlich waren die meisten

nur mit einem Nachthemd be-

kleidet. Schon bald riss die Flut

das Haus fort und die verzwei-

felten Menschen klammerten

sich an die Dachsparren, so-

lange, bis ihr Körper kraftlos ins

Wasser glitt und sie ertranken.

Andere hatten sich auf Bäume

gerettet und hatten Glück, wenn

sie die Nacht überlebten und am

nächsten Tag in Sicherheit ge-

bracht werden konnten.

Zahlreiche Quellen berichten,

dass die Orkanflut selbst grö-

ßere Schiffe ins Landesinnere

getrieben hat. Im anhaltenden

Sturm beobachtete man in Jever

von den Wallanlagen aus, wie

Seeschiffe an der Stadt vorbei-

segelten, wovon eines sogar auf

dem Dannhalm strandete (Rie-

mann).

Eine unterbrochene bzw. ver-

zögerte Nachrichtenübermitt-

lung führte dazu, dass erst Tage

nach der Sturmflut die Regie-

rungen vom Ausmaß der Kata-

strophe erfuhren. Für gezielte

Rettungsmaßnahmen war es da

längst zu spät. Allerdings hatten

die Bewohner der Wurten, die

wie Inseln aus der See ragten,

mit Hilfe von Booten und eiligst

zusammengezimmerten Flößen

eine Reihe von Überlebenden

geborgen. Auch zahlreiche Fa-

milien in den kleinen Landstäd-

ten, die wegen ihrer Lage von

der Flut verschont geblieben

waren, retteten viele Menschen

und beherbergten die Obdach-

losen über eine längere Zeit.

Es dauerte ca. 14 Tage, bis

der Wasserspiegel soweit ge-

fallen war, dass das Land ober-

flächlich abtrocknen konnte.

Den Überlebenden bot sich nun

ein schrecklicher Anblick: Zahl-

reiche Deichabschnitte waren

restlos abgetragen, hinter vie-

len Deichdurchbrüchen, durch

die das Wasser der Gezeiten

strömte, hatten sich große Kol-

ke gebildet. Sand und Schlick,

große Mengen von Stroh, Heu

und Torf bedeckten das Land,

ebenso wie die Trümmer von

Häusern und Brücken. Auf Wie-

sen und Äckern lagen zahlreiche

Leichen und Tierkadaver. Selbst

in den Bäumen hingen Men-

schen, die sich noch im Tode

umklammert hielten und vor Käl-

te erstarrt waren.

Riemann bezeichnet die von

der Weihnachtsflut verursach-

ten Verluste an Menschen, Vieh

und Wohngebäuden als „uner-

messlich“. Es gab kein Dorf in

der jeverländischen Marsch, das

keine Verluste zu verzeichnen

hatte. In der Gemeinde Neuende

ertranken 295 von 600, in Hep-

pens 128 von 300 Einwohnern.

Im gesamten Jeverland war der

Tod von 1.275 von ca. 14.000

Einwohnern zu beklagen. Hinzu

kam der Verlust von 455 Pfer-

den, 4.234 Kühen und Schafen

und 681 Schweinen. 262 Häuser

waren zerstört oder beschädigt.

Weil es noch kein allgemein

anerkanntes Erklärungsmodell

für Sturmfluten gab, machten

viele Theologen in den folgenden

Monaten die Weihnachtsflut zum

Gegenstand ihrer Bußpredigten.

Der biblische Gedanke an das

Strafgericht Gottes wurde von

ihnen immer wieder für die Er-

klärung der Sturmflut herange-

zogen.

Mit der Reparatur bzw. dem

Wiederaufbau der Deiche wur-

de nur sehr zögerlich begonnen.

Viele Deichverbände waren nicht

in der Lage, die zerstörten Dei-

che auf eigene Kosten zu repa-

rieren. Es fehlte an heimischen

Arbeitskräften, zumal ein Groß-

teil in der Flut ertrunken war bzw.

viele noch täglich an Hunger und

Kälte starben. Die Landesobrig-

keit versuchte, die Menschen

unter Androhung schwerer Stra-

fen daran zu hindern, das Land

zu verlassen und sie stattdessen

zum Deichbau zu zwingen.

Um eine geographische Vor-

stellung von der „jämmerlichen

Wasserfluth in Nieder-Teutsch-

land in der heiligen Christnacht

1717“ auch in anderen Teilen

Deutschlands zu verbreiten, fer-

tigte der Geograph und Karten-

verleger Johann Baptist Homann

1718 eine Karte „Weihnachts-

flut 1717“ an. Im Mittelpunkt

der Karte erkennt man neben

zahlreichen erklärenden Abbil-

dungen zwei Kindergestalten mit

Flügeln, die ein Spruchband hal-

ten, auf dem Homann einen Vers

des römischen Dichters Ovid zi-

tiert, den er im Zusammenhang

mit der Sintflut formuliert hatte:

Übersetzt lautet dieser:

„Als der Gott (des Meeres) so

viele (Menschen) in den grau-

samen Wellen des Meeres ver-

sinken ließ, der wievielte Teil von

ihnen verdiente es wirklich, er-

tränkt zu werden?“

Eine Frage, auf die bis heute

keine Antwort gibt.

Bernd Coldewey

Dangast bei Sturmflut, Aufnahme aus dem Jahr 2007: Der ab-

gerundete Flutstein ganz rechts im Bild erinnert an die Weih-

nachtsflut von 1717 – damals waren die Deiche nicht halb so

hoch wie heute.

Archivbild: M. Tietz