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Freitag, 06 Oktober 2017 11:24

Auch Varel ist Storm-Stadt

geschrieben von Lieselotte Meyer
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Das Haus Gertrud Storms, Moltkestraße 12 in Varel. Das Haus Gertrud Storms, Moltkestraße 12 in Varel. Foto: privat
Varel. Die besondere Beziehung Varels zur Familie Storm ist inzwischen wohl hinreichend bekannt: Anlässlich des 200. Geburtstages von Theodor Storm sah sich nun auch der Heimatverein veranlasst, sich mit dem Literaten zu befassen. So freute sich der erste Vorsitzende Hans Georg Buchtmann, kürzlich zahlreiche interessierte Gäste im Lothar-Meyer-Gymnasium begrüßen zu dürfen.
Der Referent konnte kaum prädestinierter für das Thema sein: Uwe Hüttmann, Jahrgang 50, Studienrat für Germanistik und Politik, lebte bis 1972 in Husum. So war „Tetje Wind“, wie sein Großvater Theodor Storm nannte, auf dem Sockel im Schlossgarten ein vertrauter Anblick. Während seiner Schulzeit wurde er zusätzlich kräftigst mit der damals üblichen Storm-Verehrung bedacht.
Hüttmanns teils humorvoll-ironischer, mit Akribie erarbeiteter Vortrag fesselte sofort die Zuhörer. Er bekannte, dass ein anderer großer Literat Ausgangspunkt des Vortrages war, nämlich Heinrich Heine – eine weitere Parallele zu Theodor Storm.
Es wurden die drei Personen vorrangig in den Blick genommen, die über die doppelte STADTbürgerschaft in Varel verfügten: Jubilar Theodor Storm selbst, geboren am 14. September 1817, der seit seinem drei Tage währenden Besuchs in Varel im Sommer 1878 den Kontakt hierher über Briefe an seinen Sohn und die Familie Preller, allesamt wohnhaft Marienlustgarten 5, gepflegt und den Weg seines Sohnes Karl (alias: des Vareler Musikanten) als fürsorglicher Patriarch begleitet hat. Er logierte seinerzeit im Hotel Ebolè.
Neben seinem wohl bekanntesten Werk „Der Schimmelreiter“, schrieb er 1874/75 sozusagen als inneren Befreiungsakt die bisher wenig beachtete Novelle „Ein Stiller Musikant“. Sie basiert auf einem nicht überlieferten „Verzweiflungsbrief“ Karls aus Stuttgart, der mit dem Musikstudium zu scheitern drohte. „Der Stille Musikant ist mein heißgeliebter Junge, den ich mit Traumensaugen in seiner Zukunft angeschaut“, schrieb Storm seinem Kollegen Paul Heyse.

Theodor Storm selbst hatte seine künstlerische Existenz mit einer beruflichen Ausbildung gesichert. Wie es seine Eltern von ihm erwartet hatten, studierte er Jura und war schließlich nach den damaligen politischen Wirren in Holstein als Rechtsanwalt und Richter in Preußen tätig. Er selbst empfand seinen richterlichen und poetischen Beruf durchaus im Einklang. Seine erste Ehefrau starb mit 40 Jahren am Kindbettfieber. Die zweite war niemand anderes als die Geliebte seiner frühen Ehejahre. Storm hatte insgesamt acht teils komplizierte Kinder.
Karl wurde 1853 als drittes Kind und jüngster Sohn geboren. Er lebte von 1878 bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1899 in Varel und war als Musiklehrer am Lothar-Meyer-Gymnasium tätig. In der Vareler Heimatzeitung vom 20.4.1900 gab es lange Passagen des Pastors Haase anlässlich der Einweihungsfeier seines Grabmals.
Wenn man Parallelen zur Identitätsfigur Christian Valentin im „Stillen Musikanten“ ziehen darf, war Karl ein einfacher Mensch, aber kein Sonderling. Er sah seine Erfüllung im kleinen Lebenskreis und bejahte die bescheidene Lebensaufgabe. Die öffentliche Tabuisierung der Syphiliserkrankung trug wohl zur Schwermut bei.
Wie Karl auf die Novelle reagiert hat, ist nicht bekannt. Der Umzug der Schwester Gertrud zu ihm nach Varel ein gutes Jahr vor seinem Tod aber bestimmt ein willkommener Lichtblick.
Gertrud Storm, geboren 1865, war das siebente Kind. Nach dem Tod des Vaters am 4. Juli 1888, kam sie 1898 nach Varel und lebte gemeinsam mit ihrem Bruder in der heutigen Moltkestraße 12. Erst 1924 trieb es sie zurück nach Husum, wo sie 1936 starb. Gertrud verschrieb ihr Leben ganz und gar der Familie, blieb bis zu seinem Tode beim Vater. Der Schreibtisch, an dem die allermeisten Gedichte und Novellen Storms entstanden, stand lange Zeit in der Moltkestraße. Sie regelte von hier aus den Nachlass des Vaters, der ca. 4000 Bände umfasste und schrieb eine zweibändige Biografie über Storms Leben. Die Tochter formte das öffentliche Bild des Literaten, das lange Zeit dominierte. In der „Wald- und Gartenstadt“ hat sie sich sehr wohl gefühlt und verspürte nach ihrer Heimkehr in die Vaterstadt eine leise Sehnsucht zurück.
So ist der Anspruch Varels, auch „Storm-Stadt“ zu sein, durchaus berechtigt.

Der herzliche Applaus und Dank für diesen mit Aufmerksamkeit verfolgten Abend kam mit Überzeugung, galt aber auch den vielen Helfern, der Barthel-Stiftung, der Stadt Varel, dem Landhotel Friesland, der Volksbank, Stadtbibliothek, den Buchhandlungen Thalia und Müller und der hiesigen Presse.

Gelesen 107 mal Letzte Änderung am Freitag, 06 Oktober 2017 11:43

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