Ein ungewöhnlliches Szenario war es, das sich am 23. Oktober auf der Grabanlage „Schlag 8”, Reihe 28, Grab 12, auf dem Bockhorner Friedhof abspielte.
Robin Wood und Sergej Krieger vom 10. Objektschutzregiment der Luftwaffe in Diepholz hatten an diesem Morgen einen Einsatz besonderer Art: Mit einem hochsensiblen Metall-Detektor, der den Kampfmittelbeseitigern der Bundeswehr sonst zum Aufspüren von Munition dient, tasten sie systematisch den Boden über dem Grab eines bisher namentlich nicht bekannten sowjetischen Kriegsgefangenen ab, der nachweislich am 1. Dezember 1944 in Bockhorn verstorben ist und hier begraben liegt.
Im Auftrag des Historikers Holger Frerichs aus Varel und des Vorsitzenden im Volksbund Deutsche Kriegsgräbervorsorge Bockhorn, Paul Weber, suchen sie nach der Erkennungsmarke – damit könnte der Mann identifiziert werden.

„Einen solchen Einsatz haben wir heute das erste Mal”, dämpft Robin Wood den Enthusiasmus der beiden Männer, die das dunkle Kapitel deutscher Geschichte in Bockhorn ans Licht holen wollen. „Das Gerät reagiert auf jedes Stückchen Metall im Boden, auch wenn es nur ein Coladosendeckel ist, und sobald etwas tiefer als 50 Zentimeter liegt, wird es schwierig mit der genauen Ortung.” Dennoch: Robin Wood kennt das Gerät gut genug, um zu differenzieren. Mehrmals reagiert der Detektor mehr oder weniger stark – und an einer Stelle sind sich Wood und Krieger einig: „Das hier könnte tatsächlich eine Aluminium-Marke sein.” Paul Weber bestätigt: „Wir wissen, wie er gelagert wurde, das kann hinkommen.”
Aufschluss soll nun eine bereits durch den Oberkirchenrat genehmigte Graböffnung geben, die noch in diesem Monat geplant ist. „Dabei sind wir auf die technische Unterstützung unseres Friedhofsgärtners Fritz Warnken angewiesen; das lockere Erdreich auf dem Friedhof macht eine Abstützung bei der Ausgrabung notwendig”, erklärt Paul Weber.
Sollte der unbekannte Kriegsgefangene tatsächlich identifiziert werden, sind durch die Bemühungen des (nebenberuflichen) Historienforschers Holger Frerichs sieben von neun bis dato namentlich unbekannte sowjetische Kriegsgefangene, die auf dem Bockhorner Friedhof liegen, personifiziert: „Dabei hat mir die Zusammenarbeit mit der Stiftung sächsischer Gedenkstätten in Dresden, bei der russische Datenbanken verwaltet werden, sehr geholfen”, so Frerichs.
Auf der gepflegten Grabanlage „Schlag 8” im hinteren linken Bereich des Bockhorner Friedhofes liegen unter anderen 27 gefangen genommene und in Bockhorn verstorbene Rotarmisten – ihre Namen sind, soweit bisher bekannt, auf den in Dreier-Gruppen angelegten Grabsteinen verzeichnet. Dabei ist die Grablage der einzelnen Männer nicht mit den Standorten der Steine identisch: „Während des Krieges sind sie zunächst am Ende des Friedhofs hinter einer Hecke verscharrt und erst später auf Anweisung ordentlich begraben worden”, weiß Paul Weber. Er ist auch Vorstandsmitglied im Heimatring Bockhorn, der die Anlage pflegt. Seine Motivation bringt der engagierte Bockhorner überzeugt und unmissverständlich zum Ausdruck: „Nur wenn die Vergangenheit in der Bevölkerung lebendig gehalten wird, kann es eine Zukunft geben.”
Daher unterstützt er Holger Frerichs nach Kräften – beide haben durch Nachforschungen und Zeitzeugenberichte herausbekommen, dass viele Menschen im Zweiten Weltkrieges auch in Bockhorn extreme Gewalt und unmenschliche Behandlung erfuhren.
„Am 15. Mai 1940 ist auf einem Weidegelände des Ziegeleibesitzers August Lauw im Bockhorner Ortsteil Kreyenbrok ein Kriegsgefangenenlager in Betrieb genommen worden”, so Holger Frerichs, „die Gefangenen wurden im Straßenbau eingesetzt – auf der Trasse der heutigen B 437 wurde eine Umgehungsstraße errichtet, die die Verbindung zwischen den beiden Flugplätzen Friedrichsfeld und Marx verbesserte.”
Je bis zu 280 polnische, dann französische und zuletzt vom August 1941 an sowjetische Kriegsgefangene waren hier untergebracht. Je ein Pole und und ein Franzose kamennach Holger Frerichs Recherchen in dem Lager ums Leben – und über 20 Rotarmisten. „Die Hälfte wurde von den damaligen Wachmannschaften aus willkürlichen Gründen erschossen, die übrigen sowjetischen Gefangenen starben durch die desolaten Lebensbedingungen an Krankheit und Erschöpfung,” veranschaulicht er die unmenschliche Behandlung in Kreyenbrok.
Das Lager wurde im September 1942 abgebrochen, seitdem ist das Gelände bis heute wieder Weideland. Holger Frerichs wird über die Geschichte, insbesondere die der sowjetischen Gefangenen, über die Gräber auf dem Bockhorner Friedhof und die Identifzierung der Soldaten eine Dokumentation verfassen und veröffentlichen.
Im nächsten Herbst soll darüber hinaus unter dem Titel „Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in Varel 1939 bis 1945” sein neues Buch erscheinen.
Über die Recherchen zu diesem Buch ist er überhaupt erst im Staatsarchiv Oldenburg auf Materialien zum Lager in Kreyenbrok gestoßen. „Im Zuge weiterer Nachforschungen, auch unter Mithilfe der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten in Celle – hier ist besonders der Historiker Rolf Keller zu nennen, ein ehemaliger Zeteler, – und durch Angaben von Zeitzeugen konnte ich nähere Umstände ermitteln.”
Bei den Forschungen über den Friedhof habe in vorderster Linie Paul Weber mitgewirkt; sowie auch Sibylle Jans vom Landkreis Friesland, dort zuständig für Kriegsgräber.
Autor: Jutta FinkDatum: 30.10.2009
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